Ein Ausnahmetalent

Die 23-jährige Kübra Gümüsay ist erfolgreiche Bloggerin, Nachwuchsjournalistin und gefragte Diskussions-Partnerin
Kübra Gümüsay beeindruckt. Sie war Schulsprecherin und Chefredakteurin eines Jugendmagazins. Mit 19 startete sie ihren erfolgreichen Blog "Ein Fremdwörterbuch", der für den Grimme-Online-Preis nominiert wurde. Außerdem engagiert sie sich in der Mädchenmannschaft, einer feministische Internet-Community. Mit 21 wurde sie Kolumnistin der "taz". Das Branchenmagazin "Medium" wählte die gebürtige Hamburgerin 2011 unter die Top 30 der deutschen NachwuchsjournalistInnen.
Begehrte Diskutantin
Wie es sich für eine Web-Persönlichkeit gehört, bittet Kübra Gümüsay zu einem Skype-Interview. Derzeit lebt sie mit ihrem Ehemann in Oxford, in einem kleinen Apartment. Der Schwenk der Webcam zeigt ein liebevoll eingerichtetes, multifunktionales Zimmer: Bücherregale, ein Laptop, ein Wandteppich und viele kleine Zeichnungen an den Wänden. Sekunden später ist wieder ein freundliches junges Gesicht mit einnehmendem Lächeln auf dem Bildschirm zu sehen.
Bevor sie nach Oxford kamen, wo Ali Aslan Gümüsay studiert, war das junge Ehepaar zusammen in Kairo. Davor hat Kübra in Hamburg und London Politikwissenschaft studiert und zahlreiche Praktika bei unterschiedlichen Medien absolviert. In Oxford macht sie das, was sie seit Jahren erfolgreich tut: schreiben und debattieren. In der deutschen Integrationsdebatte ist sie ein bekanntes und begehrtes Gesicht. Sie hat schon mit Thilo Sarrazin diskutiert und einen Beitrag für den vielbeachteten Sammelband "Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu" verfasst.
Die Welt verändern
In den Geschichten, die sie in ihrem Blog und in ihrer Kolumne erzählt, möchte die Enkelin eines Gastarbeiters nicht nur von der Diskriminierung von Zuwanderern erzählen. Ungerechtigkeit und Ausgrenzung gebe es überall. Rassismus, Sexismus und Intoleranz gegenüber anderen Lebensmodellen sind Phänomene, auf die sie in ihren Texten immer wieder aufmerksam macht und die sie bekämpfen will. Während der Schulzeit habe sie sich auch für Mode interessiert und auch diesbezügliche Praktika belegt. Mit einer Hutmacherin hat sie einen Hut designt, den auch Kopftuchträgerinnen tragen können. Damit wollte sie die Welt beziehungsweise die Modewelt verändern. "Ich habe gemerkt, dass man mit Mode die Welt nur sehr langsam verändern kann. Deswegen dachte ich eine Zeit lang, dass Politik das Richtige für mich wäre. Aber dafür braucht man eine dicke Haut. Dort hätte ich mich sehr schnell aufgerieben und viel von mir aufgeben müssen", erzählt Kübra.
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Das Tuch
Die deutsche Medienwelt hat sie auf alle Fälle verändert. Als erste kopftuchtragende Kolumnistin sei sie von Daniel Schulz, dem Ressortleiter von taz2/Medien, eingeladen worden, ihre Geschichten aus der Welt einer deutschen Muslima in der Kolumne "Das Tuch" zu erzählen. Hat sie ein Problem damit, explizit als kopftuchtragende Frau eingeladen worden zu sein? "Nein", erwidert sie ohne Zögern. Sie sehen das ähnlich wie die Entwicklung in der Frauenbewegung. Zuerst müssten ein paar gezielt eingeladen werden, sich zu beteiligen, um sichtbar zu sein und den Weg für andere zu ebnen. Viel zu wenige JournalistInnen mit Migrationshintergrund gebe es in Deutschland, England sei da teilweise ganz anders. Dort gebe es zum Beispiel Fatima Manji, eine kopftuchtragende Reporterin bei Channel4, die nun auch eine eigene Sendung macht.
"Prüfe mich selbst"
Mehr Toleranz und Akzeptanz wünscht sie sich auch in ihrer Heimat Deutschland. "Ich möchte nicht, dass jemand sagt, man sei selber schuld, wenn man diskriminiert werde, weil man das Kopftuch trage oder weil man ein Punk sei." Verständnis und Akzeptanz für das Andersartige erwartet sie von allen Mitmenschen und richtet diesen hohen Anspruch auch an sich selbst. "Ich prüfe mich auch selber dauernd durch meine Geschichten", sagt die Journalistin, die ihre berufliche Zukunft auch weiterhin im schreibenden Fach sieht. Derzeit schreibt sie ein Jugendsachbuch über Migration und Integration. Journalistisch will sie auch weiterhin bei gesellschaftspolitischen Themen bleiben. Frauengeschichten findet Kübra Gümüsay besonders interessant und hat diese auch während ihres dreimonatigen Aufenthalts in Kairo gesammelt.
Chaotisches Ägypten
In Kairo habe sie viel gelernt. Zunächst über sich selbst. "Wir hatten wenig aus Deutschland mitgenommen. Ich habe gelernt, dass man mit geringen materiellen Mitteln gut auskommen kann", sagt und schreibt sie über die Zeit in Ägypten. In den drei Monaten in der ägyptischen Hauptstadt, die "leider in die relativ langweilige Zeit zwischen den beiden Revolutionen fielen", erzählt sie lachend, habe sie vor allem versucht, sich einen Überblick über die politische Lage im Land zu verschaffen. Das hat sich als äußerst schwierig herausgestellt. "Jeder erzählte mit etwas anderes, je nachdem, welchem politischen Lager er angehörte." Also hat sie sich auf kleine Geschichten über den Alltag der Menschen, die sie getroffen hat, konzentriert und diese auch in ihrer Kolumne veröffentlicht.
Altkluges Mädchen
Sehr reflektiert, eloquent und selbstkritisch erzählt Kübra Gümüsay von ihrer journalistischen Arbeit, von der Rolle, die ihr Glaube in ihrem Leben spielt, und von ihrem Werdegang. Als ältestes von fünf Geschwistern habe sie schon früh gewusst, was Verantwortung heißt, und sich auch in der Schule in der Bildungspolitik engagiert: "Ich habe Diskriminierung früh erkannt und sie bekämpft, weil ich wusste, dass nicht alle das Selbstbewusstsein haben, um damit offensiv umgehen zu können." Große Unterstützung oder Förderung habe sie aber in der Schule nicht bekommen. Mit ihrer Kunstlehrerin habe sie Probleme gehabt - sie habe einmal sogar ihre Zeichnung versteckt. Ganz vermiesen konnte sie ihr die Kunst aber nicht. Die Zeichnungen an den Wänden des kleinen Apartments in Oxford stammen von Kübra. "Das ist eine weitere Leidenschaft von mir. Ich zeichne gerne und mache Kalligrafie."
Alles, was Kübra Gümüsay macht, macht sie mit Bedacht und klug. Altklug - so hat sie sich selbst einmal bezeichnet, als sie in einem Interview gefragt wurde, wieso sie schon mit zehn Jahren das Kopftuch tragen wollte. Sie wollte es den Erwachsenen gleichtun. Erst später kam sie zu einer durchdachten, bewussten Entscheidung zum Islam und zum Kopftuch, das für Kübra zum Glaubensbekenntnis dazugehört.
(bildcredit: farzad)
Kritisch, durchdacht und klug
Macht das altkluge Mädchen Kübra Gümüsay auch mal etwas, um "nur" Mädchen zu sein? Sie mag Mode, sagt sie nach einer kurzen Nachdenkpause. In ihrer Blog-Reader-Liste habe sie auch einige Modeblogs, auch solche, die sich mit islamischer Mode beschäftigen. "Aber eigentlich habe ich noch keinen muslimischen Mode-Blog gefunden, der mir richtig gut gefällt." Wie müsste dieser Blog aussehen? "Es darf nicht nur um Konsum gehen, es muss auch Kritik dabei sein", sagt Kübra. Kritisch, durchdacht und klug eben. Das ist der hohe Anspruch, den Kübra Gümüsay an die Welt und sich selbst stellt.



















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